Aus der Wohnzimmerkirche
Die Wohnzimmerkirche am 25. September 2026 in der Galluskapelle/Tautenhofen haben wir mit dem Leitmotiv „UND“ verbunden. Dazu kam die Einladung, über Verbindungen statt Grenzen nachzudenken – in unseren Beziehungen, Gefühlen und Lebenserfahrungen.
Die selbstgeschriebenen Texte, die im Rahmen des Gottesdienstes vorgelesen und mit Musik untermalt wurden, spiegeln diese Haltung wider: von der Frage „Was verbindet Menschen?“ über das Gebet „Du und Ich“ bis hin zum Brief an den Atem. Diese Texte sind nicht nur Ausdruck der persönlichen Suche und Hoffnung der Mitwirkenden, sondern auch Einladung an alle, sich mit ihren eigenen „Unds“ auseinanderzusetzen.
Die Texte sind hier verfügbar und können als Begleitung für eigene Momente der Stille oder des Gesprächs genutzt werden. Sie laden ein, die “Unds” zu entdecken – ganz im Sinne der Wohnzimmerkirche: mit leichtem Gepäck und offenem Geist.
Text 1: Verbindungen (vom Team der Wohnzimmerkirche)
Was verbinden Menschen? Wir möchten erzählen, was wir schon erlebt haben. Was haben wir verbunden?
- Blumen zu einem Strauß gebunden
- eine Wunde verbunden
- einer Freundin zugehört und mich mit ihrer Frage verbunden
- meinen Beruf mit meinem Leben verbunden
- erfahren, wie Liebe verbinden kann
- erlebt, wie neue Freundschaften verbinden, manchmal sogar über Kontinente
- Essen verbindet, Hobbies verbinden, Musik verbindet
- Eine Vision verbindet, Ziele zu haben verbindet
- Trauer verbindet, Gefühle verbinden
- Sprache verbindet
Und diese Liste verbinden wir jetzt mit eine Frage. Was verbindet Euch an Euren Plätzen heute Abend. Wer sitzt neben Euch? Wie heißt ihr? Was sind Eure Verbindungen? Wir laden Euch ein zum Miteinander-Schwätzen. Vielleicht findet ihr ja drei Verbindungen mit Euren Sitz-Nachbarn.
Text 2: Ein Brief an den Atem (Benjamin Sigg)
Lieber Atem,
du kommst und gehst verlässlich. Du bist ein Sensor für meine Stimmung und mit Dir tanzen meine Gefühle. Mal schnell und flach, oder tief und beruhigend. Danke, dass es Dich gibt. Denn du bist ein Geschenk.
Ich mag auch die kleinen Pausen, die Du lässt. Nach dem Ausatmen gibt es diesen Augenblick der Leere. Dann kommst Du wieder ganz von selbst. Ich brauch dich gar nicht bewusst zu holen. Ich werde geatmet. Jeder Atemzug ist ein „und“, kein „Punkt“. Es geht immer weiter auf dieser Welt. Atem verbindet.
Kein Wunder, dass das Buch der Bücher ohne Dich nicht leben kann. Ruach heißt Du in der Bibel. Ein Wort wie ein Atemzug ist es. Ruach steht für Atem und Lebensenergie. Ruach steht auch für die unsichtbar wirkende Kraft Gottes. Sie ist Energie, voller Power, Lebenskraft. Es ist doch verrückt, dass all das in jedem Atemzug steckt. Gott atmet mit. Er in mir und ich in ihm. In jedem Augenblick. Unzählige Male auf dieser Welt. In jedem Atemzug steckt ein Versprechen des Ewigen. Dieses Versprechen heißt: Und. Vom ersten bis zum letzten Atemzug. Und, und, und. Gott atmet mit.
So ist es auch in der Geschichte mit der Sintflut, die (fast) alles vernichtet hat. Doch es geht weiter nach der großen Atemlosigkeit der Flut. Diese Geschichte ist eine Geschichte voller Drama. Gott mag seine Welt nicht mehr mitansehen. Dort wird zerstört, klein gemacht, gekämpft oder gehasst. Die Wellen der Flut spülen das weg – und sie lassen einen Weg offen. Die Geschichte ist nicht ausweg-los. Noach und die Seinen bleiben in der Arche nicht atemlos zurück. Nach der Flut heißt es in der Bibel: „Gottes Atem weht über die Erde“. Mir gefällt es, wie Gottes Atem weiter-weht. Das hört sich erfrischend an, nach Lebenskraft, nach einem Versprechen. Wie tröstend, wenn Menschen das in ausweglosen Situationen erleben dürfen.
Was wäre heute möglich, wenn dieser Atem Menschen durchdringt? Was wäre möglich, wenn die Putins aufatmen und die Trumps durchatmen? Was würde passieren, wenn Menschen Milde atmen würden, statt schnellatmig zu kämpfen?
Dann wäre weniger absolut in dieser Welt. Menschen würden sich verbinden, statt begrenzen. Eine bunte Welt wäre das, in der schon alles Gute da ist. Eine Welt, in der Gottes Atem über die Erde weht. Friedvoll hört sich das an, mutmachend… und… und… und.
Ich glaube, dass der Atem und sein Schöpfer dieses „und“ im Blick haben. Gott will im Menschen sein. Er will, dass es weitergeht – dass gelebt, geliebt, geatmet wird. Den Anfang hat er gemacht. Der Rest liegt bei uns. Auch gut. Das ist Freiheit. In jedem Atemzug. Danke
Text 3: Und (Corinna Muderer)
Der einzige Mensch, der dich wirklich kennt, bist du. Alle anderen entdecken immer nur eine Facette von dir. Wir sehen einander nie ganz. Immer nur Ausschnitte. Immer nur ein Kapitel. Nie das ganze Buch. Aber in dir lebt das Ganze.
Du bist nicht entweder oder.
Du bist UND.
Du bist stark und verletzlich. Du bist mutig und manchmal voller Angst. Du trägst Licht und Schatten in dir. Hoffnung und Zweifel. Vergangenheit und Gegenwart. Wunden und Wunder. Sehnsucht und Frieden. Du darfst gleichzeitig Verständnis haben und etwas nicht akzeptieren. Du darfst Mitgefühl haben und klare Grenzen setzen. Du darfst die Gefühle anderer sehen und dich gleichzeitig nicht dafür zuständig fühlen. Du darfst erfolgreich und müde sein. Frei und verbunden. angekommen und suchend. Unvollkommen und ganz.
Im UND begegnen wir der Fülle des Lebens. Denn das Leben verlangt nicht, dass wir uns entscheiden, welcher Teil von uns der richtige ist. Es lädt uns ein, die Gleichzeitigkeit zu umarmen. Alles in uns darf da sein.
Der einzige Mensch, der all diese UNDs kennt, bist du selbst. Darum ist die Beziehung zu dir die heiligste, die es gibt. Wenn du beginnst, dich selbst in deinem ganzen UND anzunehmen, verlieren die Urteile anderer ihre Macht. Denn was sie sehen, ist immer nur ein kleiner Ausschnitt. Ein Blickwinkel. Eine Facette. Eine Momentaufnahme. Du aber bist immer mehr.
Du bist die Geschichte und das neue Kapitel. Das Kind, das du warst, und der Mensch, der du geworden bist. Das Sichtbare und das Verborgene.
Vielleicht ist genau das der göttliche Blick auf uns: dem Menschen nicht im Entweder- oder zu begegnen, sondern im UND.
Text 4: Du Und Ich (Katrin Kegreiß)
Ruf doch mal meinen Namen – Gott
Denn ich weiß gerade nicht, wo ich bin
Bin ich für die Einen, bin ich gegen die Anderen.
Meine Welt lebt aber in allen Schattierungen,
Sie besteht aus ganz viel Einem und Anderem.
Lass mich ein UND sein, Gott.
Ruf doch mal meinen Namen, Gott.
Du schreist mich so oft an:
In den Augen der Armut,
in der Willkür der Ungerechtigkeit,
im stillen Entsetzen der Fassungslosigkeit.
Gott, ich habe Angst dass meine Ohren taub werden.
Und hier, bei mir, ist alles so unverhältnismäßig unbeschwerlich.
Ich will so gerne ein UND sein, Gott.
Ruf doch mal meinen Namen, Gott.
Damit ich wieder weiß, wer ich bin.
Ich bestehe aus ja gerne und lieber doch nicht,
ich bestehe aus felsenfest überzeugt und manifestierter Unsicherheit
ich bestehe aus Da und Dort,
aus Gestern Heute und Morgen.
Ich besteh aus so vielen Einzelteilen, dass ich nicht sehen kann, wie alles zusammenpasst.
Dabei wünsch ich mir doch das UND zu sein, Gott.
Ruf doch mal meinen Namen, Gott,
damit ich um dich weiß und du um mich.
Du und ich.