Jugum - europäisches Klosteryoga im Allgäu
Seit einem Jahr wird “Jugum” im Allgäu praktiziert. Dahinter stehen alte Formen der Leib- und Atemübungen, die ihren Ursprung in europäischen Klöstern haben. Daher der Titel “europäisches Klosteryoga”.
Jugum wird im Dekanat Allgäu-Oberschwaben von Karin Berhalter und Benjamin Sigg begleitet. 2025 fanden bereits Kurse zu Jugum in der Galluskapelle/Autobahnkapelle, im Sommer auf dem Christkönigsberg bei Wangen oder im Herbst in der St. Martinskirche in Leutkirch statt. Jugum wurde ebenso bei Tagungen, Klausuren, Konferenzen, auf Pilgerwegen oder auch in Gottesdiensten praktiziert - überall dort, wo heilsame Unterbrechungen gut tun.
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Was ist Jugum?
Jugum verbindet Körper- und Atemübungen mit den Leibgebärden des Heiligen Dominikus zu einer ganzheitlichen Praxis, die in der klösterlichen Tradition wurzelt. Denn in europäischen Klöstern gibt es eine jahrhundertealte Tradition von körper- und atmen-zentrierten Übungen, die in die Meditation führen. Diese heilsame Leibarbeit hat PD Dr. Karl Steinmetz von InstiTEM unter dem Titel Jugum neuinterpretiert und wiederbelebt. Manches von Jugum, etwa Gebetshaltungen, können wir immer noch in der christlichen Liturgie entdecken, anderes ist über die Jahrhunderte in Vergessenheit geraden und wird nun neu belebt. Dabei lässt sich Jugum aus einer christlichen Haltung als Gebet verstehen - zugleich ist Jugum weltanschaulich offen.
Woraus besteht Jugum?
Jugum beginnt mit der Wahrnehmung des eigenen Leibs. Aus der Ruhehaltung heraus (Stehen, Sitzen, Liegen) werden in Jugum Übungen und Gebärden entfaltet. Dabei können die Haltungen mit Deutungen versehen werden. So ist der aufrechte Stand etwa mehr als ein Training für einen gesunden Rücken. Er ist verbunden mit Aufrichtigkeit. Im Stand zeigt sich der eigene Standpunkt der nach außen wirkt. Guter Stand kann dann heißen: Standpunkt haben, zu mir/zu anderen stehen, aufgerichtet und aufrichtig sein…
Ausgehend von der Ruhehaltung sind drei Bereiche zentral: Leib, Atem und Herzraum.
Was gehört alles dazu:
Leib: körperzentrierte Übungen (im Blick sind: Faszien, Lymphe, Dehnungen, Gelenke)
Atem: atemzentrierte Übungen (Achtsamkeit, Atembewegung, Atemräume)
Herzraum: Herz-Meditation, Verbindung zu sich selbst, zu anderen, zum Ewigen.
Die Neun Gebärden des Heiligen Dominikus führen Bewegung, Atem und Meditation zusammen (disciplina, custodia cordis, elevatio cordis, aperitio cordis, humiliatio, genuflexio, prostratio, meditatio, processio)
Wer hat Jugum (wieder)entdeckt?
Das Institut für traditionelle europäische Medizin InstiTEM hat die jahrhundertealte europäische Leib-Arbeit neu interpretiert und Jugum als zeitgemäße Form der Klosteryoga-Bewegung wiederbelebt.
Wie beschreibt das Institut für traditionelle europäische Medizin InstiTEM Jugum?
“Jugum unterstützt den Weg zu mehr Lebensqualität und spiritueller Begegnung. Wer Jugum einübt, fördert das Wohlbefinden von Leib und Seele, schöpft aus einer Spiritualität, die Halt gibt und Sinn eröffnet. Wer Jugum pflegt, unterstützt die körperliche Fitness (Ausdauer, Beweglichkeit, Knochen- und Muskelgesundheit), die körperliche Gesundheit (Stoffwechsel, Herz-Kreislauf, Immunsystem, Hormonbalance) sowie die mentale und psychische Gesundheit (Entspannung, Stressreduktion, Schlafqualität, Ausgeglichenheit), und die spirituelle Gelassenheit und Weite. Jugum ist ein Juwel der Klostermedizin und traditionellen Europäischen Medizin. Jugum ist für alle geeignet, die auf der Suche sind nach einem ganzheitlichen Weg, der in die Tiefe und in die Weite führt.” (Quelle)
Welche Form der Spiritualität steht aus unserer Sicht hinter Jugum?
Mit dem Begriff Spiritualität wird die Sehnsucht nach mehr bezeichnet. Sie beginnt, wo Menschen nach einem guten Leben suchen. Dem Leben Richtung geben ist gleichbedeutend mit der Suche nach Sinn. Wo Menschen sich also auf den Weg machen und sich dem öffnen, was über unsere Welt hinausreicht, öffnet sich der Raum der Spiritualität.
Religiös gesprochen bedeutet Spiritualität Verbunden-Sein mit einem größeren Ganzen. So verstanden betrifft es den Menschen als Ganzes. Sein Denken, Fühlen und Handeln. Spiritualität ist Gespür fürs Unendliche; für das, was mich unbedingt angeht; für das, was mein Herz öffnet. Sie fordert und fördert eine achtsame Haltung zum Leben, zu jedem Du, zu dem, was mich umgibt. Im christlichen Kontext ist Spiritualität die Erfahrung des Spiritus als „Ergriffen-Sein von Gott“ (vgl. etwa Mt 3,16) - diese Erfahrungen sprengt Grenzen und weist über uns hinaus.
Leib-Arbeit, Atem-Arbeit, Meditation und Gebet sind überlieferte Formen der Selbstwahrnehmung, die über sich selbst hinausführen und einen Raum der Spiritualität öffnen können. Sie sind Teil des reichen Schatzes, den es aus der biblischen Tradition heraus etwa in der mystischen und der klösterlichen Tradition gibt.
Bilder: H. Heiss in station s, St. Fidelis (Stuttgart)
Warum wird Jugum vor allem in Kirchen angeboten?
Weil die Praxis in der christlichen Meditations-Tradition verwurzelt ist: Gebärden, Atemarbeit und Herz-Meditation sind im klösterlichen Kontext entstanden und können als Gebetserfahrung verstanden werden. Jugum kann natürlich auch an anderen Orten und lösgelöst von Kirchenräumen praktiziert werden. Ganz besonders wirkt Jugum auch in der Natur.
Welche christlichen Quellen stehen hinter Jugum?
Die Tradition der Wüstenmütter und -väter sowie mittelalterliche Gebärden aus der Liturgie, hinzu kommen klösterliche Traditionen und Erkenntnisse der Traditionellen Europäischen Medizin.
Die neun Gebärden, überliefert durch den Heiligen Dominikus (1170–1221)
Die Herzmeditation, die Atem und Heilworte (z.B. Jesus) miteinander verbindet
Prinzipien aus der christlichen Gebets- und Atempraxis (z. B. aus dem Psalmengebet)
Was meint Herzmeditation?
„Mir liegt etwas auf dem Herzen.“
„Das nehme ich mir zu Herzen.“
Unsere Sprache verrät, dass das Herz mehr ist, als ein Organ und auch mehr als bloßes Gefühl. Im Herzraum fließt das, was mein Leben ausmacht, zusammen. Herzensruhe meint dann: mit einem inneren Ort der Ruhe in Berührung zu kommen.
Unter Herz-Meditation versteht man die Praxis, Heil-Worte in das Schweigen und Atmen hineinzulegen. Im christlichen Kontext ist das Heilwort „Jesus“ zentral (das bedeutet: Gott ist heilend gegenwärtig).
Auch Worte wie „Ja“, „Da“ bieten sich an. Denkbar ist auch beim Ausatmen ein „aus“ in den Atem zu legen und beim Einatmen ein „ein“. Oder „Du in mir“ (ein) und „Ich in Dir“ (aus). Oder biblisch: JHWH nach Buber „Ich bin, wo Du bist“. Oder “Schalom”. Oder: “Siehe - ich bin da”.
Wieso ist der Atem so zentral für die Übungen, Gebärden und die Meditation?
Ich kann nur im Jetzt atmen. Atmen geht nicht morgen und nicht gestern. Gedanken können überall sein. Steht hingegen der Atem im Mittelpunkt, so ziehen Gedanken einfach durch und verlieren im besten Fall an Gewicht. Atem zentriert, beruhigt, stärkt. Dazu gehören im Jugum Übungen zur Reinigung der Atembahnen, der Fokus auf Atemräume, sowie das Scannen des Körpers (Body Scan). Alles Vorbereitungen für das achtsame Atmen.
„Herzensruhe bedeutet ja mehr, als dass wir uns das Stillschweigen befehlen, die Lippen fest geschlossen halten und uns kein einziges Wort entschlüpfen lassen – das wäre nicht schwer. Herzensruhe heißt ja, dass man im eigenen Innern diese Ruhe nicht verliert.“ (Johannes Cassian)
Wie sind Meditation und Alltag miteinander verbunden?
Leibarbeit und Herzmeditation dürfen nicht isoliert verstanden werden. Sie sind keine Technik, um etwas zu erreichen. Wenn, dann sind sie Beziehungsarbeit. Sie lenken meinen Blick auf die Beziehung zu mir selbst – auf die Beziehung zu den anderen – auf die Beziehung zu Gott, zum Ewigen. Das entspricht dem dreifachen Vorsatz von Jugum.
Meditation ist auch zu kurz gedacht, wenn sie nur auf einen selbst projiziert wird. Zum Beispiel: „Ich meditiere zur Stressbewältigung“. Das kann ein Teil sein, aber alleine bleibt es zu wenig: Meditation geht vom Selbstbezug in den Weltbezug. In der europäischen Klöstertradition wurden diese Pole so benannt: actio und contemplatio. Sie beschreiben die Spannung zwischen dem Rückzug in die Stille und dem aktiven Handeln. Am Austarieren dieser Spannung müssen sich spirituelle Bewegungen bis heute messen lassen: Sind sie zu stark auf sich fokussiert, bleiben sie hohl und leer. Verausgaben sie sich im Handeln nach außen, geht die eigene Energie verloren.
Meditation hat also immer beides im Blick: bei sich sein - nach außen gehen, Haltung - Handeln, achtsam mit sich sein - nicht bei sich bleiben, eintauchen - auftauchen.
Wo wird Jugum praktiziert?
Im Dekanat Allgäu-Oberschwaben sind für 2026 schon zwei Kurse und drei Einzelveranstaltungen geplant. Die Ausschreibung erfolgt im Frühjahr. Durch die Jugum-Ausbildung 2025/26 in Stuttgart station s gibt es auch an anderen Orten in der Diözese Jugum.
Dekanat Ostalb
Neresheimer Programm
Station s - Stuttgart
Dekanat Esslingen-Nürtingen
DRS - Yoga oder Bücher lesen? Zukunftsorte Kirchen
Jugum bietet eine kompakte, ganzheitliche Praxis aus der christlichen Klöstertradition. Es verbindet Leib-Arbeit, Atemarbeit und Meditation zu einer heilenden, spirituellen Form.
Jugum in der Galluskapelle/Autobahnkapelle bei Leutkirch