Pilgerpredigt beim Blutritt: Gehen und Staunen
Pilgerpredigt beim Pilgeramt Blutritt Weingarten (15.05.2026)
Momente mit Staun-Faktor
Es gibt Momente, in denen die Welt für einen Augenblick anhält. Damit meine ich nicht die Erschütterungen, die ganz tragisch hereinbrechen. Ich denke an die Momente mit Staun-Faktor. Am besten gelingt mir das draußen in der Natur, wenn ich mit offenen Augen und offenem Mund staunend da stehe. Mich fasziniert da eine Erzählung von Fridolin Stier. Er stammte aus Karsee bei Wangen, wuchs dort auf einem Bauernhof auf – wurde später Theologieprofessor. Bei einem seiner Besuche in der Heimat hat er den alten Bauern Ambros besucht. Was dieser Bauer ihm auf dem Sterbebett erzählt, schreibt er in sein Tagebuch:
Weißt du, wenn ich daran denke: Frühmorgens, Sens auf dem Buckel, Mostkrug in der Hand, hinaus, Sonne, glitzernder Tau im Gras, singende Vögel, Himmel und Wald … „Do hätt i denn oft grad juchzga kenna“ Und: „Do hon i gmerkt, dass do no ebbes isch.“
Eine ganz einfache, alltägliche Erfahrung – und doch so besonders, dass der alte Bauer am Ende seines Lebens gerade davon erzählt. Nicht die Mühe, nicht die Sorge, nicht das Schaffen holt er sich in Erinnerung, sondern das Gefühl von Eins-Sein mit der Welt. Er staunt im Angesicht des Alltäglichen, und gerade dort öffnet sich für ihn der Himmel: Der Bauer Ambros erzählt, davon wie er staunend dasteht. Er kann „juchzga“ über, das was ihn umgibt. Und er stellt fest: „Do hon i gmerkt, dass do no ebbes isch.“ Mich erinnert das an Erfahrungen beim Pilgern, beim Rausgehen. Oft war es morgens und immer waren es Naturerfahrungen, die etwas Wundersames in mir berührt haben. Kennen Sie das? Behutsam kommt da eine Tiefe ins Spiel, die mit dem bloßen Auge nicht zu sehen ist. Da rührt sich in uns eine andere Wirklichkeit, die wir Gott nennen. Aber der Bauer Ambros braucht das gar nicht auszusprechen. Es genügt ein Satz im Dialekt. Die Natur ist für ihn mehr als das, was einfach da ist. Sie ist eine Botschaft an den Menschen und erzählt von einer wunderbaren Kraft, die alles geschaffen hat und alles in Bewegung hält. Darüber staunt er. Das Wesen der Dinge erschließt sich ihm im Staunen.
Staunen ist ein relativ neues Wort. Es kommt aus der schweizerischen Mundart und meint zunächst erstarren. Davon hat es sich heut gelöst: Wir meinen damit, dass wir voller Bewunderung dastehen. Im Englischen heißt es „I wonder“. Wir wundern uns im Staunen also über etwas und erkennen, was bisher verborgen war. Verbunden ist es oft mit einem Laut: „Ah“. Und „Oh“. Oder „Wow“. Staunen ist ein Anfang. Staunen weckt Neugier.
Staunen ist schon Beten.
Ich bin der Meinung, dass Staunen auch schon ein Gebet ist. Die Psalmen sind nicht nur eine Schule des Gebets. Diese biblisch-jüdische Gebetssammlung ist auch eine Schule des Staunens. Sie erzählen von den intensivsten Erfahrungen, die Menschen machen können: zwischen Geburt und Tod. Wo das Leben überwältigt wird, kann es zum Staunen über den Schöpfer führen oder auch zu dessen Anklage – das wäre dann das erstaunte Erschrecken. Es ist eine besondere Qualität des Staunens, die die Psalmen in Gebeten ausdrücken: Die sichtbare Welt wird dort durchsichtig für das Heilige. Mein Favorit ist Psalm 139. In Vers 14 steht dort:
Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß es genau: Wunderbar sind deine Werke.
Staunenswert und wunderbar bin ich und ist die Welt um mich herum. Der Beter von Psalm 139 erkennt in seiner Welt die Spuren Gottes. Das ist auch die Erfahrung, die Pilgerinnen und Pilger miteinander teilen. Sie erleben die Wirkung des Gehens. Sie erfahren, wie es ist, Schritt für Schritt unterwegs zu sein. Hinausgehen und neugierig auf mehr sein: Es ist die Voraussetzung, um staunend schauen zu können. Pilgern hat diesen Dreischritt: Gehen, ein Schritt nach dem anderen. Wahrnehmen. Und womöglich staunen. Diese Erfahrung des Gehens ist so wesentlich, dass sie der Ur-Grund fürs Pilgern wie für Wallfahrten sein muss.
Blutritt: Unterwegs-Sein ist wesentlich
Auch heute steht das Gehen im Mittelpunkt: Das Heilige Blut geht hinaus und muss hinaus. Erst im Gehen, erst im Unterwegs-Sein wird es seinem Wesen gerecht. Das Gleiche gilt für jene, die gehen und mit-gehen. Erst im aufrichtigen Gehen und vor allem im Mit-Gehen kommt das Wesen des Menschen zum Ausdruck. Heute verbinden sich diese beiden Ebenen: Die göttliche Seite des Hinausgehens („Entäußerung“, vgl. Philipperhymnus) mit der menschlichen Seite des Mit-Gehens.
Blutritt: Gehen und Staunen
Pilgerwege und Wallfahrten habe ihre gemeinsame Ur-Erzählung, die auf der Erfahrung des Gehens beruht: Es ist die Erfahrung der Jünger, die nach Emmaus gehen – und am Ende staunend dastehen. Die Jüngerin und der Jünger spüren jene alte Weisheit mit tiefer Wahrheit: Wenn ich gehe, geht’s. Erst im Unterwegs-Sein – im Lösen von Jerusalem entdecken sie die Spuren des Göttlichen. Gott will nicht (nur) verehrt – oder im Sinne von Emmaus betrauert werden – , er will gelebt und im Gehen entdeckt werden. Auf den heutigen Tag gewendet: Das Heilige Blut will hinausgetragen und nicht nur verehrt werden. Jede Verehrung bleibt blutleer, wenn sie im Innen bleibt und nicht nach Draußen wirkt.
Blutritt: Hineingehen in die Wirklichkeit Gottes
Das Draußen-Sein in der Stadt, in den Fluren und Feldern, ist ein Hineingehen in die Wirklichkeit Gottes. Dort draußen – im In-der-Welt-Sein – entscheidet sich die Gottesfrage. Denn letztlich ist sie eine Frage an den Menschen: Öffnest Du dein Herz für andere? Blutet es – um es so krass zu sagen – zuweilen mit angesichts der Welt, die ist, wie sie ist? Und (bei aller Fähigkeit zum Mitleiden und Mitfühlen): Bewahrst Du Dir dabei Augenblicke für Dich – um zu erkennen, zu sehen, zu staunen?
Bei einer Wallfahrt gehen keine perfekten Menschen, sondern Menschen mit Kratzern, die auch mal auf die Nase fallen und sich wieder aufrappeln. Da sind Menschen unterwegs, die sich nach „Zukunft und Hoffnung“ sehnen. Sie trotzen der Welt, in der sie leben. Und ich meine: Sie haben sich im besten Fall eine kindliche Fähigkeit bewahrt: das Staunen über das Wunder der Welt. Das Gehen bei einer Wallfahrt ist wie ein Training für den Alltag. Jeder Schritt, der danach kommt, ist die Fortsetzung dieses Pilgerweges. Und wer dabei unterwegs ins Staunen kommt, der betet mit seinen „Ahs“ und „Ohs“.
Häufig kommt erst danach in den Sinn, wie sich in solchen Momenten der Himmel öffnet. Staunenswert und wunderbar bin ich und meine Welt (Ps 139). In den Worten des alten Bauers Ambros: „Do hon i gmerkt, dass do no ebbes isch.“